Stammt „One of us“ aus der Feder von Joan Osborne?

Natürlich nicht. Kürzlich kündigte aber ein Radiomoderator der Berliner Achtziger-Neunziger-Welle RBB 88.8 den nächsten Song mit folgenden Worten an:

Mit ‚One of us‘ hat Joan Osborne eine der besten und erfolgreichsten Nummern der Neunzigerjahre geschrieben.

Beim Wort „geschrieben“ stockte er etwas, da ihm vielleicht klar war, daß Lieder nicht selten von anderen Leuten geschrieben werden als den eigentlichen Interpreten. Und gerade Frauen verlassen sich hier häufig auf die Zuarbeit anderer. Whitney Houston hatte zum Beispiel keinen einzigen ihrer Hits selbst geschrieben. Auch ihr jüngster posthumer Hit „Higher love“ ist natürlich im Original von Steve Winwood.

 

 

Ich kannte zufällig die Hintergründe von „One of us“ und wußte, daß es von Eric Bazilian geschrieben wurde, dem Sänger der fantastischen Hooters, denen wir die Achtzigerjahre-Ikonen „All you zombies“ und „Johnny B“ zu verdanken haben. Die Aussage des Radiomoderators über die angebliche Autorenschaft von Joan Osborne gesellt sich also zu den vielen Halb- und Unwahrheiten, die man des öfteren aus dem Munde von Moderatoren zu hören bekommt.

Wie schön wäre es doch, wenn es „One of us“ von den Hooters im Stil ihrer Achtzigerjahre-Klassiker gäbe. Ich glaube, solch eine Version würde mir noch besser gefallen als die von Joan Osborne, deren Stimme etwas kraftlos ist und nicht das Charisma eines Eric Bazilian hat.

Die folgenden beiden Videos lassen erahnen, daß ich mit meiner Einschätzung gar nicht so falsch liegen könnte. Im zweiten Clip singt Eric Bazilian auch ein paar Zeilen auf Deutsch. Ich liebe jedenfalls diesen Hooters-Sound, der von besseren Zeiten der Popmusik kündet und der zeigt, daß man auch wirklich intelligente und ernsthafte Lieder verfassen kann:

 

 

Ich schreibe diesen Artikel vor allem, da mir schon seit langem aufgefallen ist, daß die kreativsten und epochalsten Lieder der Popgeschichte fast ausschließlich von Männern geschrieben wurden – und daß viele gute Lieder von weiblichen Interpreten ebenfalls nicht selten aus der Feder von Männern stammen. Dies kann man immer wieder feststellen.

Auf diesen Umstand wollte ich einmal in einem Blog wie diesem hinweisen. Denn dem heutigen Gender-Zeitalter verdanken wir eine beispiellose Abwertung und Geringschätzung von Männern. Gleichwohl glauben die Vertreter dieses Zeitgeistes fest daran, daß sie „progressiv“ seien und das Sturmgeschütz der „Gleichberechtigung“.

Begriffe wie „toxische Männlichkeit“ und unsagbar einseitige Debatten, in denen Männer zwanghaft zu Schuldigen an allem und jedem erklärt werden, bestimmen den Diskurs. Ob Klimawandel, partnerschaftliche Gewalt, die angebliche Lohndiskriminierung von Frauen oder „falsche“ Wahlergebnisse, wenn Männer sich getrauen, statistisch anders als Frauen zu wählen – immer wird der Mann zum Problem erkoren.

All diese Konstruktionen männlicher Unzulänglichkeit, die man praktisch täglich in unseren Qualitäts- und Haltungsmedien lesen darf, könnte man leicht „dekonstruieren“, wenn man es denn wollte. Nur dekonstruieren gewisse akademische Milieus lieber nur in die „richtigen Richtungen“ – sie basteln lieber an Narrativen und Fiktionen, die man in linken Kreisen für „progressiv“ hält. Vermeintliche männliche Schuld und Täterschaft zu dekonstruieren und als feministische Ideologie zu entlarven ist heutzutage jedenfalls nicht gerade angesagt. Dafür gibt es keine Boni auf dem Moralkonto.

Was liegt da also näher, als sich einmal völlig unmodisch zu verhalten und hier das unglaubliche Genie und die Schaffenskraft von Männern zu würdigen? In einem Zeitalter wie dem unsrigen ist es mehr als angebracht, auf die Qualitäten und Verdienste von Männern hinzuweisen, da man zunehmend den Eindruck bekommt, Männer seien Mängelwesen und nur Frauen könnten die Welt retten.

Feiern und preisen wir also die unglaublichen Verdienste, die Männer nicht nur in der Wissenschafts- und Kulturgeschichte, sondern auch in der Popmusik auf ihrem Geschlechterkonto verbuchen können. Nahezu alle Geniestreiche der Musikgeschichte, an denen sich unser Herz erfreut, verdanken wir Männern.

Googelt man z.B. mal nach einem absoluten Welthit wie „Private dancer“ von Tina Turner, so erfährt man unversehens, daß dieses Lied eigentlich von Mark Knopfler geschrieben wurde, ehedem Sänger der Dire Straits. So ergeht es einem bei vielen Liedern der weiblichen Musikgeschichte.

Tina Turner scheint es übrigens ähnlich wie Whitney Houston zu halten. Zumindest im Falle ihres Albums „Private Dancer“ kann man bei Wikipedia lesen:

Das Album besteht teils aus Neukompositionen, teils aus Coverversionen; am Songwriting-Prozess beteiligte sich Turner nicht.

Hört man also demnächst im Radio mal wieder eine große „Pop-Klassikerin“ wie z.B. „Holding out for a hero“ oder „Total eclipse of the heart“, beide gesungen von Bonnie Tyler, so darf man guten Gewissens in Freudentaumel über die großartige männliche Schöpferkraft verfallen, die häufig hinter solchen Songs steht.

Im Falle der Bonnie-Tyler-Songs war es übrigens kein Geringerer als Jim Steinman, der sie komponierte und dem wir den sogenannten „Wagnerian Rock“ verdanken, der auch in Meat Loaf einen dankbaren Abnehmer fand.

Der Klimawandel mag „männlich“ sein. Die größten Musikklassiker sind es aber auch.

Werbung

Ein Gedanke zu “Stammt „One of us“ aus der Feder von Joan Osborne?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s