„Lovely day“ – Bill Withers

Veröffentlichung: Dezember 1977
Thema: Verliebtsein
Genre: R&B, Soul, Funk
Album: Menagerie

Frankreich: Platz 1
Großbritannien: Platz 7
USA: Platz 30

 

 

Wenn man sich den Text von „Lovely day“ anschaut, so wird man den Eindruck nicht los, daß dieser tolle Song eine Art Antwort auf Bill Withers größten und legendären Hit „Ain‘t no sunshine“ sein könnte.

Letzterer handelt von Verlust und Melancholie. Die Welt ist kalt, die Sonne scheint nicht mehr, das Haus ist kein Heim mehr, wenn die Geliebte sich davon macht.

In „Lovely day“ wird hingegen das Kontrastprogramm besungen. Alle Sorgen und Ängste schwinden, wenn der Sänger seine Liebste anschaut. Und die Sonne ist auch wieder mit von der Partie. Auch gleich zu Beginn des Songs:

When I wake up in the morning, love
And the sunlight hurts my eyes
And something without warning, love
Bears heavy on my mind
 
Then I look at you
And the world’s alright with me
Just one look at you
And I know it’s gonna be
 
A lovely day
A lovely day

Das hört sich tatsächlich wie ein Kontrastprogramm an und beschreibt den positiven Effekt, den die Anwesenheit eines geliebten Menschen auf‘s Gemüt und auf die Weltsicht ausübt. In „Ain‘t no sunshine“ wird der genau gegenteilige Effekt beschrieben: Wie trist ist die Welt, wenn der geliebte Mensch fort ist.

Eine Besonderheit von „Ain‘t no sunshine“ aus dem Jahre 1971 war es, daß Bill Withers ganze 19 Sekunden lang immer wieder depressiv und gedrungen den Satz „I know“ wiederholte, was übrigens so ursprünglich keineswegs geplant war, sondern einen ähnlichen Hintergrund hat wie das „La la la la“ aus dem Lied „Don‘t you“ von den Simple Minds: Aus der Not einer Verlegenheitslösung wurde eine Tugend gemacht.

Und auch „Lovely day“ kann mit etwas Besonderem aufwarten. Zum Ende des Songs hält Bill Withers einen Ton ganze 18 Sekunden lang („Lovely daaaaaaaaay“), was zumindest für die US Top 40 einen einsamen Rekord darstellt.

Angesichts dieser Anekdoten und Bezüge, und angesichts der Tatsache, daß beide Lieder in einem sehr getragenen Tonfall daherkommen, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, daß „Lovely day“ eine Art Fortsetzung von „Ain‘t no sunshine“ ist. Aber was weiß ich schon?

Viel wichtiger ist, daß mit diesem Artikel Bill Withers die Reverenz erwiesen wird, der nun leider auf jegliche Sonnenstrahlen verzichten muß, da er Ende März im Alter von 81 Jahren verstorben ist.

Withers wurde 1938 als William Harrison Withers, Jr. in der Bergarbeiterstadt Slubfork, West Virginia, geboren. Mit 17 ging er zur US-Armee, wo er neun Jahre unter anderem im Nahen Osten diente und auch mit dem Schreiben von Songs begann. 1967 zog er nach Los Angeles, um eine professionelle Musikerkarriere anzustreben.

Sein Debüt-Album „Just as I am“ erschien im Januar 1971. Das darin enthaltene „Ain‘t no sunshine“ erreichte Platz drei der Charts und erhielt 1972 einen Grammy. Sein zweites Album „Still Bill“ kam auf Platz 1 in den USA und enthielt den Hit „Lean on me“.

1981 sang er mit Grover Washington „Just the two of us“, das Platz 2 der US-Charts erreichte und Withers einen zweiten Grammy bescherte. Mitte der Achtziger zog er sich zusehends aus der Öffentlichkeit zurück.

Was bleibt, sind seine genialen, hier erwähnten Hits, die allesamt voller Soul sind und von einer fast transzendentalen Zeit künden, als die Welt noch in Ordnung schien. Jedenfalls wirkt sie aus heutiger Sicht wesentlich weniger pervers und zynisch als die utopielose Jetztzeit der totalen Ökonomisierung und Digitalisierung.

Und das hört man auch an der Musik.

 

 

Bill Withers photo 1976

Bill Withers
4. Juli 1938 – 30. März 2020

 

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