„Kayleigh“ – Marillion

Veröffentlichung: 1985
Thema: Liebeskummer
Genre: Progressive Rock
Album: Misplaced Childhood

Großbritannien: Platz 2
Deutschland: Platz 7
USA: Platz 74

 

 

Nicht mehr lange und der Fall der Berliner Mauer jährt sich zum dreißigsten Male. Was läge da näher, als hier ein Lied mit Berlin-Bezug vorzustellen?

Im Frühjahr 1985 weilte die Band Marillion in Berlin, um in den Hansa-Studios am Potsdamer Platz ihr Album aufzunehmen. Hier waren auch schon Pop-Größen wie David Bowie und Depeche Mode zugegen und ließen sich von dem morbiden Charme des Ortes inspirieren. Die Gegend war schließlich nicht mehr als eine Wüste mit ein paar Gebäuden, die den Krieg überstanden hatten, und mit der farbenfrohen Westseite der Berliner Mauer, die die Sektorengrenze verschönerte.

Der Sänger von Marillion, der sich einfach nur „Fish“ nennt, war zu der Zeit mit Tamara Nowy liiert, die in einem Berliner Nachtclub arbeitete. Sie spielt den weiblichen Part im Video zu „Kayleigh“. Darin sind neben den Aufnahmen im Studio die Berliner Mauer, das Charlottenburger Schloß, die Spree in Kreuzberg und der Grenzübergang an der Heinrich-Heine-Straße zu sehen.

Auch für mich als Berliner ist das Video hochinteressant, da ich zu der Zeit noch ein Kind war und die Mauer nur von ihrer tristen Seite her zu sehen bekam. Leider ruft es auch wehmütige und schmerzliche Erinnerungen an das alte zerzauste, aber doch idyllische Berlin wach, das es heute so leider nicht mehr gibt. Es ist jedenfalls ein schönes Zeitdokument, das eine verwunschene Welt zeigt, die auf ihre Weise in Ordnung war und ihren Reiz hatte – und die von mir aus auch ruhig noch ein paar Jahre länger so hätte existieren können.

Daß Deutschland und Berlin wieder vereint sind, wird für Leute, die deutlich vor 1989 sozialisiert wurden, wohl immer etwas Merkwürdiges bleiben. Das Video läßt diese Merkwürdigkeit noch einmal eindrücklich aufleben.

Sänger Fish sagt zu seinem Lied:

“‘Kayleigh’ was a way of saying sorry. I had a lot of relationships that basically I’d wrecked because I was obsessed with the career and where I wanted to go. I was very, very selfish and I just wanted to be the famous singer but I was starting to become aware of the sacrifices that I was making, and I think that Kay was one of those sacrifices.”

Das Lied stellt also eine musikalische Entschuldigung dar für das egozentrische Verhalten des Sängers, der einige Beziehungen für sein Karrierestreben opferte. Eine dieser Frauen hieß tatsächlich „Kay-Lee“.

Fish heiratete die Video-„Kayleigh“ Tamara Nowy zwei Jahre nach dem Dreh, und die Ehe, aus der eine Tochter hervorging, hielt bis 2001.

In den USA kam diese hervorragende Rockballade, die heute eine Ikone der Achtziger darstellt, nur auf Platz 74. Was einmal mehr zeigt, was für ein Kulturbanause der gemeine Ami ist.

Undenkbar, daß solch ein geniales und tiefgründiges Lied heute noch das Licht der Welt erblicken könnte. Und was für ein Glück für die Nachwelt, daß dieses tolle Lied visuell in so einer einmaligen Szenerie wie dem geteilten Berlin festgehalten wurde.

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