„Lovely day“ – Bill Withers

Veröffentlichung: Dezember 1977
Thema: Verliebtsein
Genre: R&B, Soul, Funk
Album: Menagerie

Frankreich: Platz 1
Großbritannien: Platz 7
USA: Platz 30

 

 

Wenn man sich den Text von „Lovely day“ anschaut, so wird man den Eindruck nicht los, daß dieser tolle Song eine Art Antwort auf Bill Withers größten und legendären Hit „Ain‘t no sunshine“ sein könnte.

Letzterer handelt von Verlust und Melancholie. Die Welt ist kalt, die Sonne scheint nicht mehr, das Haus ist kein Heim mehr, wenn die Geliebte sich davon macht.

In „Lovely day“ wird hingegen das Kontrastprogramm besungen. Alle Sorgen und Ängste schwinden, wenn der Sänger seine Liebste anschaut. Und die Sonne ist auch wieder mit von der Partie. Auch gleich zu Beginn des Songs:

When I wake up in the morning, love
And the sunlight hurts my eyes
And something without warning, love
Bears heavy on my mind
 
Then I look at you
And the world’s alright with me
Just one look at you
And I know it’s gonna be
 
A lovely day
A lovely day

Das hört sich tatsächlich wie ein Kontrastprogramm an und beschreibt den positiven Effekt, den die Anwesenheit eines geliebten Menschen auf‘s Gemüt und auf die Weltsicht ausübt. In „Ain‘t no sunshine“ wird der genau gegenteilige Effekt beschrieben: Wie trist ist die Welt, wenn der geliebte Mensch fort ist.

Eine Besonderheit von „Ain‘t no sunshine“ aus dem Jahre 1971 war es, daß Bill Withers ganze 19 Sekunden lang immer wieder depressiv und gedrungen den Satz „I know“ wiederholte, was übrigens so ursprünglich keineswegs geplant war, sondern einen ähnlichen Hintergrund hat wie das „La la la la“ aus dem Lied „Don‘t you“ von den Simple Minds: Aus der Not einer Verlegenheitslösung wurde eine Tugend gemacht.

Und auch „Lovely day“ kann mit etwas Besonderem aufwarten. Zum Ende des Songs hält Bill Withers einen Ton ganze 18 Sekunden lang („Lovely daaaaaaaaay“), was zumindest für die US Top 40 einen einsamen Rekord darstellt.

Angesichts dieser Anekdoten und Bezüge, und angesichts der Tatsache, daß beide Lieder in einem sehr getragenen Tonfall daherkommen, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, daß „Lovely day“ eine Art Fortsetzung von „Ain‘t no sunshine“ ist. Aber was weiß ich schon?

Viel wichtiger ist, daß mit diesem Artikel Bill Withers die Reverenz erwiesen wird, der nun leider auf jegliche Sonnenstrahlen verzichten muß, da er Ende März im Alter von 81 Jahren verstorben ist.

Withers wurde 1938 als William Harrison Withers, Jr. in der Bergarbeiterstadt Slubfork, West Virginia, geboren. Mit 17 ging er zur US-Armee, wo er neun Jahre unter anderem im Nahen Osten diente und auch mit dem Schreiben von Songs begann. 1967 zog er nach Los Angeles, um eine professionelle Musikerkarriere anzustreben.

Sein Debüt-Album „Just as I am“ erschien im Januar 1971. Das darin enthaltene „Ain‘t no sunshine“ erreichte Platz drei der Charts und erhielt 1972 einen Grammy. Sein zweites Album „Still Bill“ kam auf Platz 1 in den USA und enthielt den Hit „Lean on me“.

1981 sang er mit Grover Washington „Just the two of us“, das Platz 2 der US-Charts erreichte und Withers einen zweiten Grammy bescherte. Mitte der Achtziger zog er sich zusehends aus der Öffentlichkeit zurück.

Was bleibt, sind seine genialen, hier erwähnten Hits, die allesamt voller Soul sind und von einer fast transzendentalen Zeit künden, als die Welt noch in Ordnung schien. Jedenfalls wirkt sie aus heutiger Sicht wesentlich weniger pervers und zynisch als die utopielose Jetztzeit der totalen Ökonomisierung und Digitalisierung.

Und das hört man auch an der Musik.

 

 

Bill Withers photo 1976

Bill Withers
4. Juli 1938 – 30. März 2020

 

Stammt „One of us“ aus der Feder von Joan Osborne?

Natürlich nicht. Kürzlich kündigte aber ein Radiomoderator der Berliner Achtziger-Neunziger-Welle RBB 88.8 den nächsten Song mit folgenden Worten an:

Mit ‚One of us‘ hat Joan Osborne eine der besten und erfolgreichsten Nummern der Neunzigerjahre geschrieben.

Beim Wort „geschrieben“ stockte er etwas, da ihm vielleicht klar war, daß Lieder nicht selten von anderen Leuten geschrieben werden als den eigentlichen Interpreten. Und gerade Frauen verlassen sich hier häufig auf die Zuarbeit anderer. Whitney Houston hatte zum Beispiel keinen einzigen ihrer Hits selbst geschrieben. Auch ihr jüngster posthumer Hit „Higher love“ ist natürlich im Original von Steve Winwood.

 

 

Ich kannte zufällig die Hintergründe von „One of us“ und wußte, daß es von Eric Bazilian geschrieben wurde, dem Sänger der fantastischen Hooters, denen wir die Achtzigerjahre-Ikonen „All you zombies“ und „Johnny B“ zu verdanken haben. Die Aussage des Radiomoderators über die angebliche Autorenschaft von Joan Osborne gesellt sich also zu den vielen Halb- und Unwahrheiten, die man des öfteren aus dem Munde von Moderatoren zu hören bekommt.

Wie schön wäre es doch, wenn es „One of us“ von den Hooters im Stil ihrer Achtzigerjahre-Klassiker gäbe. Ich glaube, solch eine Version würde mir noch besser gefallen als die von Joan Osborne, deren Stimme etwas kraftlos ist und nicht das Charisma eines Eric Bazilian hat.

Die folgenden beiden Videos lassen erahnen, daß ich mit meiner Einschätzung gar nicht so falsch liegen könnte. Im zweiten Clip singt Eric Bazilian auch ein paar Zeilen auf Deutsch. Ich liebe jedenfalls diesen Hooters-Sound, der von besseren Zeiten der Popmusik kündet und der zeigt, daß man auch wirklich intelligente und ernsthafte Lieder verfassen kann:

 

 

Ich schreibe diesen Artikel vor allem, da mir schon seit langem aufgefallen ist, daß die kreativsten und epochalsten Lieder der Popgeschichte fast ausschließlich von Männern geschrieben wurden – und daß viele gute Lieder von weiblichen Interpreten ebenfalls nicht selten aus der Feder von Männern stammen. Dies kann man immer wieder feststellen.

Auf diesen Umstand wollte ich einmal in einem Blog wie diesem hinweisen. Denn dem heutigen Gender-Zeitalter verdanken wir eine beispiellose Abwertung und Geringschätzung von Männern. Gleichwohl glauben die Vertreter dieses Zeitgeistes fest daran, daß sie „progressiv“ seien und das Sturmgeschütz der „Gleichberechtigung“.

Begriffe wie „toxische Männlichkeit“ und unsagbar einseitige Debatten, in denen Männer zwanghaft zu Schuldigen an allem und jedem erklärt werden, bestimmen den Diskurs. Ob Klimawandel, partnerschaftliche Gewalt, die angebliche Lohndiskriminierung von Frauen oder „falsche“ Wahlergebnisse, wenn Männer sich getrauen, statistisch anders als Frauen zu wählen – immer wird der Mann zum Problem erkoren.

All diese Konstruktionen männlicher Unzulänglichkeit, die man praktisch täglich in unseren Qualitäts- und Haltungsmedien lesen darf, könnte man leicht „dekonstruieren“, wenn man es denn wollte. Nur dekonstruieren gewisse akademische Milieus lieber nur in die „richtigen Richtungen“ – sie basteln lieber an Narrativen und Fiktionen, die man in linken Kreisen für „progressiv“ hält. Vermeintliche männliche Schuld und Täterschaft zu dekonstruieren und als feministische Ideologie zu entlarven ist heutzutage jedenfalls nicht gerade angesagt. Dafür gibt es keine Boni auf dem Moralkonto.

Was liegt da also näher, als sich einmal völlig unmodisch zu verhalten und hier das unglaubliche Genie und die Schaffenskraft von Männern zu würdigen? In einem Zeitalter wie dem unsrigen ist es mehr als angebracht, auf die Qualitäten und Verdienste von Männern hinzuweisen, da man zunehmend den Eindruck bekommt, Männer seien Mängelwesen und nur Frauen könnten die Welt retten.

Feiern und preisen wir also die unglaublichen Verdienste, die Männer nicht nur in der Wissenschafts- und Kulturgeschichte, sondern auch in der Popmusik auf ihrem Geschlechterkonto verbuchen können. Nahezu alle Geniestreiche der Musikgeschichte, an denen sich unser Herz erfreut, verdanken wir Männern.

Googelt man z.B. mal nach einem absoluten Welthit wie „Private dancer“ von Tina Turner, so erfährt man unversehens, daß dieses Lied eigentlich von Mark Knopfler geschrieben wurde, ehedem Sänger der Dire Straits. So ergeht es einem bei vielen Liedern der weiblichen Musikgeschichte.

Tina Turner scheint es übrigens ähnlich wie Whitney Houston zu halten. Zumindest im Falle ihres Albums „Private Dancer“ kann man bei Wikipedia lesen:

Das Album besteht teils aus Neukompositionen, teils aus Coverversionen; am Songwriting-Prozess beteiligte sich Turner nicht.

Hört man also demnächst im Radio mal wieder eine große „Pop-Klassikerin“ wie z.B. „Holding out for a hero“ oder „Total eclipse of the heart“, beide gesungen von Bonnie Tyler, so darf man guten Gewissens in Freudentaumel über die großartige männliche Schöpferkraft verfallen, die häufig hinter solchen Songs steht.

Im Falle der Bonnie-Tyler-Songs war es übrigens kein Geringerer als Jim Steinman, der sie komponierte und dem wir den sogenannten „Wagnerian Rock“ verdanken, der auch in Meat Loaf einen dankbaren Abnehmer fand.

Der Klimawandel mag „männlich“ sein. Die größten Musikklassiker sind es aber auch.

„Kayleigh“ – Marillion

Veröffentlichung: 1985
Thema: Liebeskummer
Genre: Progressive Rock
Album: Misplaced Childhood

Großbritannien: Platz 2
Deutschland: Platz 7
USA: Platz 74

 

 

Nicht mehr lange und der Fall der Berliner Mauer jährt sich zum dreißigsten Male. Was läge da näher, als hier ein Lied mit Berlin-Bezug vorzustellen?

Im Frühjahr 1985 weilte die Band Marillion in Berlin, um in den Hansa-Studios am Potsdamer Platz ihr Album aufzunehmen. Hier waren auch schon Pop-Größen wie David Bowie und Depeche Mode zugegen und ließen sich von dem morbiden Charme des Ortes inspirieren. Die Gegend war schließlich nicht mehr als eine Wüste mit ein paar Gebäuden, die den Krieg überstanden hatten, und mit der farbenfrohen Westseite der Berliner Mauer, die die Sektorengrenze verschönerte.

Der Sänger von Marillion, der sich einfach nur „Fish“ nennt, war zu der Zeit mit Tamara Nowy liiert, die in einem Berliner Nachtclub arbeitete. Sie spielt den weiblichen Part im Video zu „Kayleigh“. Darin sind neben den Aufnahmen im Studio die Berliner Mauer, das Charlottenburger Schloß, die Spree in Kreuzberg und der Grenzübergang an der Heinrich-Heine-Straße zu sehen.

Auch für mich als Berliner ist das Video hochinteressant, da ich zu der Zeit noch ein Kind war und die Mauer nur von ihrer tristen Seite her zu sehen bekam. Leider ruft es auch wehmütige und schmerzliche Erinnerungen an das alte zerzauste, aber doch idyllische Berlin wach, das es heute so leider nicht mehr gibt. Es ist jedenfalls ein schönes Zeitdokument, das eine verwunschene Welt zeigt, die auf ihre Weise in Ordnung war und ihren Reiz hatte – und die von mir aus auch ruhig noch ein paar Jahre länger so hätte existieren können.

Daß Deutschland und Berlin wieder vereint sind, wird für Leute, die deutlich vor 1989 sozialisiert wurden, wohl immer etwas Merkwürdiges bleiben. Das Video läßt diese Merkwürdigkeit noch einmal eindrücklich aufleben.

Sänger Fish sagt zu seinem Lied:

“‘Kayleigh’ was a way of saying sorry. I had a lot of relationships that basically I’d wrecked because I was obsessed with the career and where I wanted to go. I was very, very selfish and I just wanted to be the famous singer but I was starting to become aware of the sacrifices that I was making, and I think that Kay was one of those sacrifices.”

Das Lied stellt also eine musikalische Entschuldigung dar für das egozentrische Verhalten des Sängers, der einige Beziehungen für sein Karrierestreben opferte. Eine dieser Frauen hieß tatsächlich „Kay-Lee“.

Fish heiratete die Video-„Kayleigh“ Tamara Nowy zwei Jahre nach dem Dreh, und die Ehe, aus der eine Tochter hervorging, hielt bis 2001.

In den USA kam diese hervorragende Rockballade, die heute eine Ikone der Achtziger darstellt, nur auf Platz 74. Was einmal mehr zeigt, was für ein Kulturbanause der gemeine Ami ist.

Undenkbar, daß solch ein geniales und tiefgründiges Lied heute noch das Licht der Welt erblicken könnte. Und was für ein Glück für die Nachwelt, daß dieses tolle Lied visuell in so einer einmaligen Szenerie wie dem geteilten Berlin festgehalten wurde.

„Disco 2000“ – Pulp

Veröffentlichung: November 1995
Thema: unerfüllte Liebe, Zukunftsphantasien
Genre: Britpop
Album: Different class

Großbritannien: Platz 7
Deutschland: Platz 47

 

 

Vor ein paar Monaten saß ich einmal gegen Mitternacht im McDonald‘s am Potsdamer Platz ziemlich alleine im ersten Obergeschoß und hörte, wie ein tolles Lied seinen Anfang nahm. Ich war guter Laune, genoß die Stimmung und mir war klar, daß das Lied ein Klassiker sein mußte, einen besonderen Esprit hat.

Bei der Stimme und dem ironischen Stil dachte ich an Bob Geldof und mutmaßte schon, ein Lied aus den Siebzigern vor mir zu haben, das ich irgendwie noch nicht kannte.

Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, daß es sich um einen profanen Neunziger handelt, nämlich „Disco 2000“ von Pulp. Ich war immer noch beseelt und genoß dieses herrliche Lied.

Daß ich dabei die Assoziation von Bob Geldof und den späten Siebzigern hatte, ist natürlich ein außerordentliches Kompliment. Eigentlich ist es fast unglaublich, daß mitten in den Neunzigerjahren noch ein Lied von solch einer Virtuosität entstehen konnte.

Allein dieses Lied zerstört fulminant das Narrativ vom angeblichen Katastrophenjahrzehnt, das die Neunziger nach Meinung diverser Miesepeter darstellen sollen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, daß ich für diese Recherche auf Wikipedia lesen durfte, daß das Lied auch Verwendung fand in einer Folge der Retro-Serie „Life on Mars“, die die Siebzigerjahre auf‘s Korn nimmt.

Wikipedia ist ebenfalls zu entnehmen, daß Pulp-Sänger Jarvis Cocker für das Lied eine reale Begebenheit aus seiner Kindheit verarbeitete. Er war verliebt in ein sehr beliebtes Mädchen, aber chancenlos, und malte sich aus, wie es wohl wäre, wenn sie beide sich im Jahr 2000 wiedersähen, wenn sie erwachsen sind.

Das Gitarrenriff in „Disco 2000„ soll angeblich inspiriert sein von Umberto Tozzis Hit „Gloria“ von 1979. Da sind sie schon wieder, die späten Siebziger. So hörte sich das Lied für mich an dem Abend auch an.

Mögen die Miesepeter dieser Welt schweigen und sich um die Nuller- und Zehnerjahre kümmern. Da gibt‘s deutlich mehr zu holen für kulturpessimistisch Veranlagte.

„Somebody to love“ – Jefferson Airplane

Aufnahme: November 1966
Veröffentlichung: April 1967
Thema: Liebeskummer
Genre: Psychedelic Rock
Album: Surrealistic Pillow

US Billboard Hot 100: Platz 5
Großbritannen: Platz 3
„Rolling Stone“ Top 500: Platz 141

 
Liedtext

 

Dieses Lied ist ein unglaublicher Hammer und schafft es wie kaum ein anderes, das Lebensgefühl und die gesellschaftlichen Umwälzungen der Sechzigerjahre in Musik zu packen. Von daher ist es auch gleichzeitig ein Denkmal der Schande, da es de facto so gut wie nie im Radio zu hören ist.

Das Lied reflektiert kritisch die Ideologie der „Freien Liebe“, wie sie zu jener Zeit in San Francisco und Hippie-Kreisen en vogue war. Geschildert werden ein zerbrochenes Herz und Desillusionierung. Die Sängerin fordert die betroffene Frau und den Zuhörer dazu auf, nach der echten, wahren Liebe zu suchen.

Das Lied stammt aus der Feder von Darby Slick, dem Bruder der Sängerin Grace Slick, der es verfaßte, nachdem er von seiner Freundin verlassen wurde. „Somebody to love“ wurde der erste große Hit von Jefferson Airplane und war zudem auch einer der ersten Erfolge aus der Gegenkultur der Westküste der USA.

Hört man das Lied, so kommen einem unwillkürlich Bilder von Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg in den Sinn, von Woodstock, der Bürgerrechtsbewegung, von all den Utopien und Eskapismen der Sechzigerjahre. Es sind erstaunlich positive Assoziationen zu den USA, und man staunt, wie sehr diese Zeit unsere Kultur bis heute prägt. Es ist ein USA-Bild, das leider stark in den Hintergrund getreten ist.

Auf Youtube ist kein wirklich gelungenes Video zu diesem Lied zu finden. Ein Clip, der die eben geschilderten Gefühle stark triggert, besteht leider überwiegend aus Szenen des Drogenfilms „Fear and loathing in Las Vegas“, was den Genuß leider sehr beeinträchtigt. Im Mittelteil zeigt dieses Video aber viele Szenen aus den Sechzigerjahren, die das Kopfkino anspringen lassen. Von daher sei es hier trotzdem empfohlen.

Für diesen Artikel habe ich mich allerdings für ein schlichtes Video mit einer unspektakulären Slideshow entschieden. Auf daß der Zuhörer die unglaubliche Energie in diesem Lied aufnehmen möge. Ich kann mir kaum einen besseren Geschichtsunterricht über die späten Sechzigerjahre vorstellen…

„Money don’t matter 2 night“ – Prince

Aufnahme: 1990
Veröffentlichung: 1992
Thema: Armut, soziale Mißstände
Genre: Philadelphia Soul
Album: Diamonds and pearls

US Billboard Hot 100: Platz 23
Großbritannen: Platz 19
Niederlande: Platz 7

 

 

Eine echte Überraschung war für mich dieses Lied von Prince & The New Power Generation, das ich vor ein paar Wochen im Radio hörte. Ich war sehr angetan und felsenfest davon überzeugt, daß es sich bei dem Lied um einen selten gespielten Achtziger von Prince handeln müsse, den ich bisher noch nicht kannte. Das suggerierte mir jedenfalls der Sound, der perfekt in dieses Jahrzehnt paßte.

Die Recherche zu diesem Artikel belehrte mich dann eines Besseren. Das Lied wurde offenbar im Spätsommer des Jahres 1990 aufgenommen. Das erklärt vielleicht, warum es sich noch so sehr nach Achtziger anhört. Aber nichts für ungut. Denn der Prince-Song illustriert einmal mehr eine wichtige Grundthese dieses Blogs: Die Neunziger – insbesondere deren erste Hälfte – sind mitnichten das musikalische Katastrophen-Jahrzehnt, als das es uns neunmalkluge Kulturpessimisten immer wieder verkaufen wollen. Ein wahrer Schatz kann hier geborgen werden.

Prinzens Song ist ein sozialkritisches Lied, das Armut, Geld und Habgier zum Thema hat. Im dazugehörigen Musikvideo, das von Spike Lee gedreht wurde, ist eine afroamerikanische Familie zu sehen, die mit Armutsproblemen zu kämpfen hat. Prince kommt in diesem Video nicht vor, das laut Wikipedia als „überpolitisch“ und nicht „MTV-friendly“ angesehen wurde.

Eine zweite Version wurde gedreht, die neben Sequenzen aus dem alten Video nun auch Szenen mit Prince am Klavier und seiner Band enthält. Allerdings ist das erste Video tatsächlich nicht besonders ästhetisch und wartet mit einem langen Vorspann ohne Musik auf. Dessenthalben habe ich hier auch auf die etwas eingängigere und genußfreundlichere zweite Version zurückgegriffen.

Im ersten Video sind der damalige Präsident George Bush senior und wohl auch der spätere Außenminister Colin Powell zu sehen, allerdings noch in seiner Zeit als hochdekorierter US-Militär. Szenen aus dem ersten Golfkrieg und Bilder aus der Zeit der Großen Depression in den Dreißigerjahren dominieren. Das Video ist eine Art Potpourri aus sozialer Not und elitärer Dekadenz.

Aus heutiger Sicht amüsant wirkt es, wenn kurz ein „Trump“-Werbeschriftzug auf einem der Wolkenkratzer des Immobilien-Moguls eingeblendet wird und selbiger kurz darauf in gönnerhafter Pose eines seiner Gebäude betritt. Da wirkt das Video fast wie ein Kommentar zur Gegenwart. Schade, daß es Prince nicht mehr vergönnt war, einen US-Präsidenten Donald Trump zu erleben.

Wem „Philadelphia Soul“ als Musikstil dieses Liedes nichts sagt, dem sei der Begriff „Phillysound“ nahegelegt, der dasselbe meint und eine Soul-Richtung bezeichnet, die sich Ende der Sechzigerjahre in den Sigma Sound Studios in Philadelphia herausbildete. Viele bekannte Klassiker entstanden dort, so z.B. „Me and Mrs. Jones“ von Billy Paul, „If you don’t know me by now“ von Harold Melvin & The Blue Notes oder „When will I see you“ von den Three Degrees.

„Money don‘t matter 2 night“ wurde allerdings nicht in den Sigma Sound Studios in Philadelphia aufgenommen, wie man annehmen könnte, sondern in den Warner Pioneer Studios in Tokio.

Das Lied ist also „made in Japan“.

„Camouflage“ – Stan Ridgway

Aufnahme: 1985
Veröffentlicht: 1986
Thema: Kriegseinsatz in Vietnam
Genre: New Wave, Alternative Rock
Album: The Big Heat

Großbritannien: Platz 4
Deutschland: Platz 8

 

 

Daß dieser tolle Song ausgerechnet in den USA nicht den geringsten Chart-Erfolg hatte, zeigt einmal mehr, was für ein Kulturbanause der Ami und wie problematisch sein nationales Selbstbild ist. Denn das Lied verarbeitet ironisch Kriegserfahrungen in Vietnam und hat durchaus einen kritischen Touch. Das Lied handelt von einem Soldaten im Vietnamkrieg, der den Kontakt zu seiner Einheit verloren hat und in einer ausweglosen Situation übernatürliche Erfahrungen macht.

Die ersten Zeilen lauten:

I was a PFC on a search patrol huntin‘ Charlie down
It was in the jungle wars of ’65

„PFC“ steht für „Private first class“ und bezeichnet einen niedrigen militärischen Rang bei den U.S. Marines. In einer desolaten Lage – Munition verbraucht, der Feind nähert sich – erscheint dem Soldaten ein „big marine“ und stellt sich als „Camouflage“ vor.

Gemeinsam kämpfen sie sich durch die Nacht und zurück zur Basis. Dabei zeigt sich, daß der Begleiter übernatürliche Kräfte besitzt und ihm Schüsse nichts anhaben können. Am Ende des Liedes stellt sich heraus, daß der „big marine“ der Geist eines Kameraden ist, der im Lager in der Nacht zuvor gestorben ist und als letzten Wunsch äußerte, daß er gerne einem Soldaten das Leben retten würde.

Das Lied wird leider viel zu selten im Radio gespielt, obwohl es zu den wenigen radiotauglichen Liedern der Achtzigerjahre gehört, die ein bißchen anspruchsvoller sind, dem Hörer etwas zutrauen und ihn ein wenig aus dem öden akustischen Einheitsbrei reißen.

Stanard „Stan“ Ridgway wurde 1954 in Kalifornien geboren und startete seine Solo-Karriere 1983. Ridgway nahm auch zahlreiche Lieder für diverse Filmprojekte auf. Wikipedia charakterisiert die Musik seiner ersten Band „Wall of Voodoo“ wie folgt:

On top of the mix was Ridgway’s unusual vocal style and highly stylized, cinematic narratives heavily influenced by science fiction and film noir, sung from the perspective of ordinary folks and characters wrestling with ironies inside the American Dream.

Das trifft wohl auch ziemlich exakt auf „Camouflage“ zu.

„Kashmir“ – Led Zeppelin

Veröffentlichung: 1975
Thema: mystische Reiseerfahrungen
Genre: Hardrock
Album: Physical Graffiti
„Rolling Stone“ Top 500: Platz 141
 

 

Anläßlich des 50. Jahrestags der Veröffentlichung des Debüt-Albums von Led Zeppelin, der in diesem Jahr begangen wird, sei an dieser Stelle auf das herausragende „Kashmir“ der Hardrock-Pioniere verwiesen. Sänger Robert Plant bekannte dazu:

Es war eine tolles Musikstück, es zu schreiben, und eine unglaubliche Herausforderung für mich. … Es war eine schwierige Aufgabe, denn ich konnte es nicht singen. Es war, als wäre das Lied größer als ich. Es ist wahr: Ich war wie versteinert. Es war schmerzhaft; ich war den Tränen nahe.

„Kashmir“ entstand allerdings nicht in der indisch-pakistanischen Krisenregion, sondern bekam seinen Text 1973 auf einer Reise des Sängers Robert Plant durch Marokko in die Sahara, wo ihm die Straße schier endlos erschien. Die erste Songzeile lautet:

‘Oh let the sun beat down upon my face, stars to fill my dreams.’

Puff Daddy bediente sich 1997 für seinen etwas albernen „Godzilla“-Soundtrack „Come with me“ bei „Kashmir“ und verlieh ihm ein bißchen Glanz durch Led Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page, der das bekannte Gitarrenriff beisteuerte und auch kurz im Video zu sehen ist.

Alle Band-Mitglieder sahen in dem Lied eine ihrer größten musikalischen Leistungen. Robert Plant bezeichnete „Kashmir“ als „den definitiven Led-Zeppelin-Song“ und ließ die Nachwelt wissen:

Ich wünsche mir, daß man sich einmal eher wegen „Kashmir“ als „Stairway to heaven“ an uns erinnern wird.

Das kann man nachvollziehen.

Ist „Drive“ von R.E.M. aus den Achtzigern?

Natürlich nicht. Aber vorhin hatte ich es genau so in der Anmoderation auf „Radio Berlin“ gehört. Sarah Zerdick kam im Abendprogramm darauf zu sprechen, daß doch alles und jeder heutzutage ein Comeback oder eine Wiedervereinigung plane und hinbekomme, und flachste dann, daß R.E.M. aber eine Band sei, wo man sich das wirklich mal wünsche. Tja, und dann behauptete sie dreist, als die ersten Töne ansetzten, daß nun „Drive“ aus den Achtzigern erklinge.

Dabei hatte R.E.M. eigentlich nur einen wirklichen Hit in den Achtzigern und ist eine typische Neunziger-Band, die man mit Liedern wie „Losing my religion“, „Man on the moon“ oder auch „Everybody hurts“ in Verbindung bringt. Jedenfalls hört man im Radio äußerst selten ihren Achtzigerjahre-Hit „It‘s the end of the world as we know it“. „Drive“ ist vom Album „Automatic for the people“, einem typischen Neunzigerjahre-Album, dessen Name und Cover bezugnehmen auf den Zusammenbruch des Kommunismus.

Warum ich das schreibe? Weil es immer wieder vorkommt, daß Radiomoderatoren so offensichtliche Fehler machen wie den obigen und dabei Lieder falschen Jahrzehnten zuordnen. Dabei kennen sich diese Leute eigentlich besser aus bezüglich der Musikhistorie.

Tatsächlich ordnen nicht wenige Moderatoren Lieder aus den frühen Neunzigern immer wieder den Achtzigern zu. Das habe ich schon häufiger erlebt. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß ich es auch schon einmal erlebte, wie ein Moderator vermutlich desselben Senders „Losing my Religion“ als Achtziger ankündigte. Dabei ist ja gerade dieses Lied eine Ikone der Neunziger.

Vielleicht steckt hinter diesem Phänomen ja eine Weltverschwörung der Kulturpessimisten, die auch noch das letzte gute Lied aus den Neunzigern umetikettieren wollen, um ihr Narrativ vom musikalischen Katastrophen-Jahrzehnt weiter kultivieren zu können.

Dabei sind die darauffolgenden Jahrzehnte noch um einiges schlimmer.

„Wuthering Heights“ – Kate Bush

Veröffentlichung: Januar 1978
Thema: Romantische Liebe über den Tod hinaus
Genre: Pop
Album: The Kick inside (Debüt)

Großbritannien: Platz 1
Deutschland: Platz 11

Liedtext

Kate Bush wurde 1958 in einem Vorort von London geboren und heißt eigentlich Catherine Bush. Sie wuchs in einer musikalisch und künstlerisch interessierten Familie auf, schrieb früh Gedichte und wurde bereits in jungen Jahren 1973 von David Gilmour, dem Gitarristen von Pink Floyd entdeckt, der sie förderte. The kick inside nahm sie mit Musikern auf, die eigentlich zur Stammformation von The Alan Parsons Project gehörten.

„Wuthering Heights“ war Debütsingle und erster Nummer-eins-Hit von Kate Bush, die damit auch die erste Frau in der Geschichte der britischen Charts war, die mit einer Eigenkomposition die Spitze erklomm.

Das Lied ist eine Vertonung des in Großbritannien sehr bekannten Romans „Wuthering Heights“ („Sturmhöhe“) von Emily Brontë aus dem 19. Jahrhundert.

Zu „Wuthering Heights“ wurden zwei Musikvideos gedreht, eines für die britische, eines für die amerikanische Veröffentlichung des Liedes. Das zweite Video wird auch als „Red dress version“ bezeichnet, da Kate Bush hier in freier Natur und in einem roten Kleid tanzend zu sehen ist. „Wuthering Heights“ ist bis heute die meistverkaufte Single von Bush.

Abschließend noch einige Youtube-Kommentare:
„When you’re 18 and write one of the most iconic songs of the 20th Century…“

„Fun Fact: Kate Bush and Emily Bronte, the author of Wuthering Heights, share the same birthday on 30th of July.“

„This always makes me want to buy that dress and Dance like that. My wife does not know that.„