„Questions 67 and 68“ – Chicago

Veröffentlichung: Juli 1969
Thema: Liebeskummer
Genre: Jazzrock, Fusion
Album: Chicago Transit Authority

USA: Platz 71
Kanada: Platz 54

 

 

Dieser Artikel harrte schon 2019 seiner Veröffentlichung und war einem goldenen Jubiläum der Band Chicago zuerdacht. Leider vergammelte er ein bißchen auf der Festplatte und findet erst jetzt seinen Weg in die Blog-Öffentlichkeit. 2019 war nicht nur für Led Zeppelin ein goldenes Rock-Jubiläum. Auch Chicago hatte 1969 mit seinem Album „Chicago Transit Authority“ Premiere in der Musikgeschichte.

Genau so wie das Album hieß die Band auch in ihrer ersten Zeit, bis die gleichnamigen Chicagoer Verkehrsbetriebe ihr Mißfallen kundtaten. Chicago beschreibt sich selbst als „rock and roll band with horns“ und besticht durch die vielfältige Verwendung von Blasinstrumenten.

Ich selbst kannte eigentlich nicht viel von Chicago außer den Hits, die man so im Radio hören kann und die meist auf die späten Siebziger und die Achtziger datieren. Deshalb war ich neugierig, wie sich wohl die erste offizielle Single-Auskopplung anhört. Ich fürchtete nichts Gutes, da „Questions 67 and 68“ nicht sonderlich erfolgreich war und die bekannten Hits erst viele Jahre später entstanden.

Aber das Lied kann sich durchaus hören lassen. Man erkennt sofort die charakteristische Stimme des Sängers Peter Cetera, die einem aus den späteren großen Hits wie z.B. „If you leave me now“ vertraut ist.

Auch wenn das Lied kein Tophit ist, so versprüht es doch den Charme der Unschuld, Naivität, Ehrlichkeit und Ursprünglichkeit, den man in der heutigen Musik so sehr vermißt. Ende der Sechziger liefen auch Filme wie „Planet der Affen“, „Easy Rider“ oder „2001 – Odyssee im Weltraum“ im Kino. Es muß eine schöne Zeit gewesen sein.

„Questions 67 and 68“ wurde 1971 in einer deutlich kürzeren Fassung noch einmal veröffentlicht und erreichte damals immerhin Platz 24 der US-Hitparade. Das Lied wurde von Band-Mitglied Robert Lamm geschrieben, der sich den Gesang mit Peter Cetera teilt und sich laut Wikipedia auf eine romantische Liebesbeziehung in den Jahren 1967/68 bezieht:

„It’s about a girl I knew during those years with a hint of acid imagery and very Beatles influenced.“

Das Lied ist eine Aneinanderreihung von Fragen, die sich dem Autor in einem Zustand des Zweifelns und der Glückseligkeit stellen. Er fragt sich, ob seine Liebe Bestand haben wird, ob alles mit rechten Dingen zugehe:

„That was a love song that dealt in terms of questions I was asking myself about this particular relationship that was going down. I wasn’t sure whether it was good or bad.“

Bleibt festzuhalten, daß „Questions 67 and 68“ ungewohnt feierlich und marschmusikalisch daherkommt. Spätestens mit dem Gesang entfaltet es aber seine ganze Pracht.

 

Chicago muß man wohl als eine der größten Bands Amerikas bezeichnen, die mit zahlreichen Superlativen wie 20 Top-Ten-Singles oder fünf aufeinanderfolgenden Alben, die den ersten Platz der US-Charts erreichten, aufwarten kann.

Das Debüt-Album kam 2014 in die Grammy Hall of Fame. Die Band selbst wurde 2016 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. 2017 wurden die Bandmitglieder Peter Cetera, Robert Lamm und James Pankow zudem noch in die Songwriters Hall of Fame gewählt.

Und zu guter Letzt soll die Band auch noch einen Grammy Lifetime Achievement Award erhalten für ihre Verdienste im Songschreiben.

 

Auch die Kommentare auf Youtube sind voll des Lobes über Chicago und „Questions 67 and 68“. So schreibt ein Musiklehrer, wie begeistert seine Schüler auf Chicago reagierten:

Can I say something is spectacular? There’s no other word to describe this song and band. It’s over forty years old and it’s still so potent and powerful. I played this for some kids in the music class at a high school and the young brass players were knocked out when the brass really kicked in.

I had to play Chicago for them over and over. The drummers told me Danny Seraphine’s drums inspired them to play even better. Quite a thrilling arrangement and brilliant guitars over laid. This is what my generation did as the 60’s faded out. I love it.

Ein anderer sehr unterhaltsamer Kommentar von 2014 kommt auf den Umstand zu sprechen, daß Chicago zum damaligen Zeitpunkt noch nicht in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde:

Great song, incredible first album. Look at the list of songs: Beginnings, Does Anybody Really Know What Time It Is, Southern California Purple, Question 67 & 68, I’m a Man, Poem 58, Someday, Free Form Guitar et.al. Hell, on this album alone you can make a good case for induction to the Rock and Roll Hall of Fame (shame).

When freakin Madonna is inducted and great bands like Chicago, The Moody Blues…. are not – then there is something seriously screwed up with the clowns who run the Hall. Let’s make it right in 2015 – and put in one of the most important bands of the late 60s, through the 70s and on. Let’s put the Rock back in the Rock and Roll Hall of Fame!

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

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„Lovely day“ – Bill Withers

Veröffentlichung: Dezember 1977
Thema: Verliebtsein
Genre: R&B, Soul, Funk
Album: Menagerie

Frankreich: Platz 1
Großbritannien: Platz 7
USA: Platz 30

 

 

Wenn man sich den Text von „Lovely day“ anschaut, so wird man den Eindruck nicht los, daß dieser tolle Song eine Art Antwort auf Bill Withers größten und legendären Hit „Ain‘t no sunshine“ sein könnte.

Letzterer handelt von Verlust und Melancholie. Die Welt ist kalt, die Sonne scheint nicht mehr, das Haus ist kein Heim mehr, wenn die Geliebte sich davon macht.

In „Lovely day“ wird hingegen das Kontrastprogramm besungen. Alle Sorgen und Ängste schwinden, wenn der Sänger seine Liebste anschaut. Und die Sonne ist auch wieder mit von der Partie. Auch gleich zu Beginn des Songs:

When I wake up in the morning, love
And the sunlight hurts my eyes
And something without warning, love
Bears heavy on my mind
 
Then I look at you
And the world’s alright with me
Just one look at you
And I know it’s gonna be
 
A lovely day
A lovely day

Das hört sich tatsächlich wie ein Kontrastprogramm an und beschreibt den positiven Effekt, den die Anwesenheit eines geliebten Menschen auf‘s Gemüt und auf die Weltsicht ausübt. In „Ain‘t no sunshine“ wird der genau gegenteilige Effekt beschrieben: Wie trist ist die Welt, wenn der geliebte Mensch fort ist.

Eine Besonderheit von „Ain‘t no sunshine“ aus dem Jahre 1971 war es, daß Bill Withers ganze 19 Sekunden lang immer wieder depressiv und gedrungen den Satz „I know“ wiederholte, was übrigens so ursprünglich keineswegs geplant war, sondern einen ähnlichen Hintergrund hat wie das „La la la la“ aus dem Lied „Don‘t you“ von den Simple Minds: Aus der Not einer Verlegenheitslösung wurde eine Tugend gemacht.

Und auch „Lovely day“ kann mit etwas Besonderem aufwarten. Zum Ende des Songs hält Bill Withers einen Ton ganze 18 Sekunden lang („Lovely daaaaaaaaay“), was zumindest für die US Top 40 einen einsamen Rekord darstellt.

Angesichts dieser Anekdoten und Bezüge, und angesichts der Tatsache, daß beide Lieder in einem sehr getragenen Tonfall daherkommen, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, daß „Lovely day“ eine Art Fortsetzung von „Ain‘t no sunshine“ ist. Aber was weiß ich schon?

Viel wichtiger ist, daß mit diesem Artikel Bill Withers die Reverenz erwiesen wird, der nun leider auf jegliche Sonnenstrahlen verzichten muß, da er Ende März im Alter von 81 Jahren verstorben ist.

Withers wurde 1938 als William Harrison Withers, Jr. in der Bergarbeiterstadt Slubfork, West Virginia, geboren. Mit 17 ging er zur US-Armee, wo er neun Jahre unter anderem im Nahen Osten diente und auch mit dem Schreiben von Songs begann. 1967 zog er nach Los Angeles, um eine professionelle Musikerkarriere anzustreben.

Sein Debüt-Album „Just as I am“ erschien im Januar 1971. Das darin enthaltene „Ain‘t no sunshine“ erreichte Platz drei der Charts und erhielt 1972 einen Grammy. Sein zweites Album „Still Bill“ kam auf Platz 1 in den USA und enthielt den Hit „Lean on me“.

1981 sang er mit Grover Washington „Just the two of us“, das Platz 2 der US-Charts erreichte und Withers einen zweiten Grammy bescherte. Mitte der Achtziger zog er sich zusehends aus der Öffentlichkeit zurück.

Was bleibt, sind seine genialen, hier erwähnten Hits, die allesamt voller Soul sind und von einer fast transzendentalen Zeit künden, als die Welt noch in Ordnung schien. Jedenfalls wirkt sie aus heutiger Sicht wesentlich weniger pervers und zynisch als die utopielose Jetztzeit der totalen Ökonomisierung und Digitalisierung.

Und das hört man auch an der Musik.

 

 

Bill Withers photo 1976

Bill Withers
4. Juli 1938 – 30. März 2020

 

„Somebody to love“ – Jefferson Airplane

Aufnahme: November 1966
Veröffentlichung: April 1967
Thema: Liebeskummer
Genre: Psychedelic Rock
Album: Surrealistic Pillow

US Billboard Hot 100: Platz 5
Großbritannen: Platz 3
„Rolling Stone“ Top 500: Platz 141

 
Liedtext

Dieses Lied ist ein unglaublicher Hammer und schafft es wie kaum ein anderes, das Lebensgefühl und die gesellschaftlichen Umwälzungen der Sechzigerjahre in Musik zu packen. Von daher ist es auch gleichzeitig ein Denkmal der Schande, da es de facto so gut wie nie im Radio zu hören ist.

Das Lied reflektiert kritisch die Ideologie der „Freien Liebe“, wie sie zu jener Zeit in San Francisco und Hippie-Kreisen en vogue war. Geschildert werden ein zerbrochenes Herz und Desillusionierung. Die Sängerin fordert die betroffene Frau und den Zuhörer dazu auf, nach der echten, wahren Liebe zu suchen.

Das Lied stammt aus der Feder von Darby Slick, dem Bruder der Sängerin Grace Slick, der es verfaßte, nachdem er von seiner Freundin verlassen wurde. „Somebody to love“ wurde der erste große Hit von Jefferson Airplane und war zudem auch einer der ersten Erfolge aus der Gegenkultur der Westküste der USA.

Hört man das Lied, so kommen einem unwillkürlich Bilder von Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg in den Sinn, von Woodstock, der Bürgerrechtsbewegung, von all den Utopien und Eskapismen der Sechzigerjahre. Es sind erstaunlich positive Assoziationen zu den USA, und man staunt, wie sehr diese Zeit unsere Kultur bis heute prägt. Es ist ein USA-Bild, das leider stark in den Hintergrund getreten ist.

Auf Youtube ist kein wirklich gelungenes Video zu diesem Lied zu finden. Ein Clip, der die eben geschilderten Gefühle stark triggert, besteht leider überwiegend aus Szenen des Drogenfilms „Fear and loathing in Las Vegas“, was den Genuß leider sehr beeinträchtigt. Im Mittelteil zeigt dieses Video aber viele Szenen aus den Sechzigerjahren, die das Kopfkino anspringen lassen. Von daher sei es hier trotzdem empfohlen.

Für diesen Artikel habe ich mich allerdings für ein schlichtes Video mit einer unspektakulären Slideshow entschieden. Auf daß der Zuhörer die unglaubliche Energie in diesem Lied aufnehmen möge. Ich kann mir kaum einen besseren Geschichtsunterricht über die späten Sechzigerjahre vorstellen…

„Money don’t matter 2 night“ – Prince

Aufnahme: 1990
Veröffentlichung: 1992
Thema: Armut, soziale Mißstände
Genre: Philadelphia Soul
Album: Diamonds and pearls

US Billboard Hot 100: Platz 23
Großbritannen: Platz 19
Niederlande: Platz 7

 

 

Eine echte Überraschung war für mich dieses Lied von Prince & The New Power Generation, das ich vor ein paar Wochen im Radio hörte. Ich war sehr angetan und felsenfest davon überzeugt, daß es sich bei dem Lied um einen selten gespielten Achtziger von Prince handeln müsse, den ich bisher noch nicht kannte. Das suggerierte mir jedenfalls der Sound, der perfekt in dieses Jahrzehnt paßte.

Die Recherche zu diesem Artikel belehrte mich dann eines Besseren. Das Lied wurde offenbar im Spätsommer des Jahres 1990 aufgenommen. Das erklärt vielleicht, warum es sich noch so sehr nach Achtziger anhört. Aber nichts für ungut. Denn der Prince-Song illustriert einmal mehr eine wichtige Grundthese dieses Blogs: Die Neunziger – insbesondere deren erste Hälfte – sind mitnichten das musikalische Katastrophen-Jahrzehnt, als das es uns neunmalkluge Kulturpessimisten immer wieder verkaufen wollen. Ein wahrer Schatz kann hier geborgen werden.

Prinzens Song ist ein sozialkritisches Lied, das Armut, Geld und Habgier zum Thema hat. Im dazugehörigen Musikvideo, das von Spike Lee gedreht wurde, ist eine afroamerikanische Familie zu sehen, die mit Armutsproblemen zu kämpfen hat. Prince kommt in diesem Video nicht vor, das laut Wikipedia als „überpolitisch“ und nicht „MTV-friendly“ angesehen wurde.

Eine zweite Version wurde gedreht, die neben Sequenzen aus dem alten Video nun auch Szenen mit Prince am Klavier und seiner Band enthält. Allerdings ist das erste Video tatsächlich nicht besonders ästhetisch und wartet mit einem langen Vorspann ohne Musik auf. Dessenthalben habe ich hier auch auf die etwas eingängigere und genußfreundlichere zweite Version zurückgegriffen.

Im ersten Video sind der damalige Präsident George Bush senior und wohl auch der spätere Außenminister Colin Powell zu sehen, allerdings noch in seiner Zeit als hochdekorierter US-Militär. Szenen aus dem ersten Golfkrieg und Bilder aus der Zeit der Großen Depression in den Dreißigerjahren dominieren. Das Video ist eine Art Potpourri aus sozialer Not und elitärer Dekadenz.

Aus heutiger Sicht amüsant wirkt es, wenn kurz ein „Trump“-Werbeschriftzug auf einem der Wolkenkratzer des Immobilien-Moguls eingeblendet wird und selbiger kurz darauf in gönnerhafter Pose eines seiner Gebäude betritt. Da wirkt das Video fast wie ein Kommentar zur Gegenwart. Schade, daß es Prince nicht mehr vergönnt war, einen US-Präsidenten Donald Trump zu erleben.

Wem „Philadelphia Soul“ als Musikstil dieses Liedes nichts sagt, dem sei der Begriff „Phillysound“ nahegelegt, der dasselbe meint und eine Soul-Richtung bezeichnet, die sich Ende der Sechzigerjahre in den Sigma Sound Studios in Philadelphia herausbildete. Viele bekannte Klassiker entstanden dort, so z.B. „Me and Mrs. Jones“ von Billy Paul, „If you don’t know me by now“ von Harold Melvin & The Blue Notes oder „When will I see you“ von den Three Degrees.

„Money don‘t matter 2 night“ wurde allerdings nicht in den Sigma Sound Studios in Philadelphia aufgenommen, wie man annehmen könnte, sondern in den Warner Pioneer Studios in Tokio.

Das Lied ist also „made in Japan“.

„Kashmir“ – Led Zeppelin

Veröffentlichung: 1975
Thema: mystische Reiseerfahrungen
Genre: Hardrock
Album: Physical Graffiti
„Rolling Stone“ Top 500: Platz 141
 

 

Anläßlich des 50. Jahrestags der Veröffentlichung des Debüt-Albums von Led Zeppelin, der in diesem Jahr begangen wird, sei an dieser Stelle auf das herausragende „Kashmir“ der Hardrock-Pioniere verwiesen. Sänger Robert Plant bekannte dazu:

Es war eine tolles Musikstück, es zu schreiben, und eine unglaubliche Herausforderung für mich. … Es war eine schwierige Aufgabe, denn ich konnte es nicht singen. Es war, als wäre das Lied größer als ich. Es ist wahr: Ich war wie versteinert. Es war schmerzhaft; ich war den Tränen nahe.

„Kashmir“ entstand allerdings nicht in der indisch-pakistanischen Krisenregion, sondern bekam seinen Text 1973 auf einer Reise des Sängers Robert Plant durch Marokko in die Sahara, wo ihm die Straße schier endlos erschien. Die erste Songzeile lautet:

‘Oh let the sun beat down upon my face, stars to fill my dreams.’

Puff Daddy bediente sich 1997 für seinen etwas albernen „Godzilla“-Soundtrack „Come with me“ bei „Kashmir“ und verlieh ihm ein bißchen Glanz durch Led Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page, der das bekannte Gitarrenriff beisteuerte und auch kurz im Video zu sehen ist.

Alle Band-Mitglieder sahen in dem Lied eine ihrer größten musikalischen Leistungen. Robert Plant bezeichnete „Kashmir“ als „den definitiven Led-Zeppelin-Song“ und ließ die Nachwelt wissen:

Ich wünsche mir, daß man sich einmal eher wegen „Kashmir“ als „Stairway to heaven“ an uns erinnern wird.

Das kann man nachvollziehen.