„My sweet lord“ – George Harrison

Veröffentlichung: Januar 1971
Thema: Gebet
Genre: Gospel, Pop
Album: All things must pass

Deutschland: Platz 1
Großbritannien: Platz 1
USA: Platz 1

 

 

Es steht ein weiteres fünfzigjähriges Jubiläum ins Haus. Heute vor genau 50 Jahren veröffentlichte George Harrison sein Debütalbum nach der Trennung der Beatles. Der schlichte Titel: „All things must pass“ – alles muß vergehen.

Genaugenommen war es sein drittes Solo-Album, nachdem er zuvor bereits zwei kommerziell erfolglose Instrumentalalben herausbrachte, als die Beatles noch intakt waren. Produziert wurde „All things must pass“ von Phil Spector und George Harrison in den Abbey Road Studios in London.

Harrison konnte einige prominente Namen für die Einspielung der Songs gewinnen. Eric Clapton findet sich an der Gitarre. Ringo Starr und Ginger Baker am Schlagzeug, Bobby Keys am Saxofon.

Auf Wikipedia ist folgende interessante Anekdote zur ersten Single-Auskopplung zu lesen:.

„My Sweet Lord“ war die erfolgreichste Single von Harrison und erreichte in vielen Ländern auf der Welt Platz 1 der Charts. Schon im folgenden Jahr wurde Harrison allerdings verklagt, weil My Sweet Lord Ähnlichkeiten mit dem Lied He’s So Fine von den Chiffons aus dem Jahr 1963 aufweise. Nach Jahren entschied das Gericht, dass Harrison den Song „unbewusst plagiiert“ habe.

Tja, so kann‘s gehen. Das Lied von den Chiffons war mir bisher allenfalls vage ein Begriff. Es hat aber tatsächlich starke Ähnlichkeiten zu „My sweet lord“, wie man auf einer Youtube-Exkursion feststellen kann.

Die dortigen Kommentare sind insofern amüsant, als sie nahezu sämtlich auf die Plagiatsaffäre und „My sweet lord“ bezug nehmen. Ganz oben findet man diese Worte:

everyone here including me is here just to see if this song sounds like my sweet lord…..

Und eine Katy Lee gibt dies zu bedenken:

I am a songwriter myself and I know how it feels: You try so hard to come up with the melody, then you have to put this melody down on chords and arrange it on the instrument, then you try to improve it and finally after a lot of hard work, you’re done. Aaand then it appears, that somebody has already written something similar, and you’re pissed off.

That is called „Cryptomnesia“ (your brain thinks it creates something new, but it actually recalls something already experienced).

R.I.P. George Harrison.

Natürlich ist „My sweet lord“ emotional ein völlig anderes Lied als „He‘s so fine“ von den Chiffons. Von mir aus dürfen Künstler gerne auf diese Weise „plagiieren“, was das Zeug hält. Wenn daraus derartig tolle und ergreifende, eigenständige Lieder hervorgehen, habe ich nichts dagegen.

George Harrison schrieb „My sweet lord“ im Dezember 1969 in Kopenhagen, als er gerade als Begleitmusiker von Delaney & Bonnie auf Tour war. Nach eigener Auskunft war er inspiriert von dem Gospel-Song „Oh happy day“ von den Edwin Hawkins Singers.

Und wieder einmal zeigt sich beim Anblick des Videoclips mit seiner gelungenen Slideshow, wie sehr Musik dazu in der Lage ist, uns auf eine Zeitreise zu schicken und das Lebensgefühl vergangener Zeiten unmittelbar nachvollziehbar zu machen. „My sweet lord“ kann man jedenfalls ohne Bedenken als ikonisch und als eines der besten Lieder der Siebziger bezeichnen.

In dem Lied spricht Harrison direkt zu Gott und bekundet, daß er ihn gerne sehen, mit ihm sein möchte, sich nach ihm sehnt. Auch ein bißchen hinduistisches Gedankengut bringt er im Lied unter. In der zweiten Hälfte dürfen wir uns nämlich dem Zeitgeist entsprechend an diversen „hare krishnas“ und anderen indischen Lautmalereien erfreuen. Man könnte also fast von einem Hybridgospel sprechen.

Ein Youtube-Nutzer bringt es auf den Punkt:

God exists, George Harrison is proof.

Ein anderer merkt ironisch an:

John Lennon: Imagine there’s no heaven
George Harrison: My sweet Lord…

Und wenn wir schon bei den Beatles sind, sei noch gesagt, daß Harrisons Welthit die erste Nr. 1 darstellte, die einem Ex-Beatle gelang.

Bleibt abschließend festzuhalten, daß „My sweet lord“ ohne Frage eines der besten Lieder aus dem Bereich der erbaulichen, religiösen Popmusik ist – und daß eigentlich nur die Hand Gottes im Spiel gewesen sein konnte, die solch ein tolles Plagiat ermöglichte.

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Vor 50 Jahren: Janis Joplin stirbt den Drogentod

Heute vor exakt 50 Jahren – also am 4. Oktober, 1970 – verstarb Janis Joplin im Alter von nur 27 Jahren infolge einer Überdosis Heroin. Sie ist damit die erste Frau im sogenannten Club 27, dem zuvor bereits so bekannte Künstler wie Brian Jones und Jimi Hendrix beigetreten waren.

Besonders erstrebenswert ist die Mitgliedschaft in diesem erlauchten Verein allerdings nicht, da man vor Beginn des 29. Lebensjahres den Weg ins Jenseits gefunden haben muß, um die Aufnahmebedingungen zu erfüllen.

Auch Jim Morrison, Sänger der Doors, gehört zu den Gründungsmitgliedern des Clubs 27. Auffällig ist, daß die genannten vier Künstler alle innerhalb eines Zeitraumes von exakt zwei Jahren starben, nämlich zwischen dem 3. Juli 1969 und dem 3. Juli 1971. In den Neunziger- und Zehnerjahren traten auch noch Kurt Cobain und Amy Winehouse dem Club 27 bei.

Leider hat Janis Joplin keinen ihrer großen Hits selbst geschrieben mit Ausnahme von „Mercedes Benz“, wo sie immerhin einer von drei Autoren war. Vielmehr feierte sie Erfolge mit Coverversionen wie „Me and Bobby McGee“ oder „Piece of my heart“.

Ein wenig schmeichelhaftes Zitat von ihr ist aus dem Jahre 1969 überliefert, als sie auf dem Titelblatt einer Ausgabe von „Newsweek“ erscheinen sollte, aber dann doch durch den Ex-Präsidenten Dwight D. Eisenhower ersetzt wurde, der gerade verstorben war. Dazu bekannte Joplin freimütig im „New Musical Express“:

Fourteen heart attacks and he had to die in my week. In MY week.

Das ist freilich wenig empathisch. Und auch ein bißchen egozentrisch. Aber immerhin schaffte sie es dann ein paar Wochen später doch noch auf‘s Cover von Newsweek:

 

janis-joplin-newsweek-cover-1969-rebirth-of-the-blues

 

Aber von Janis Joplin sind auch noch andere Worte überliefert, wie eine Zitate-Suche offenbart. Auf den Einwand schwarzer Soul-Puristen, daß Weiße in diesem Genre an der falschen Adresse seien, sagte Joplin:

You know why we’re stuck with the myth that only black people have soul? Because white people don’t let themselves feel things.

Besonders intelligent scheint diese Aussage freilich nicht zu sein. Denn schon in Europa sind Südländer deutlich temperamentvoller. Und Afrikaner haben eben ein anderes Gemüt als Eskimos oder Japaner. Aber was soll Joplin auch sagen? Sie muß ja schließlich auch Lobbyarbeit in eigener Sache leisten.

Als rassistisch muß man ihre Aussage wohl auch noch einstufen, wenn man bedenkt, daß Weiße laut Joplin angeblich völlig gefühllos agierten. Da kommt es sehr gelegen, daß kluge Diversity-Forscher bereits nachgewiesen haben, daß Weiße eigentlich gar nicht rassistisch beleidigt oder diskriminiert werden können. Insofern muß sich Joplin also keine Sorgen machen.

Das ist leider ein nicht so erbaulicher Blick ins progressive Rock- und Popmilieu. Heiligsprechungen wären ja auch langweilig. Was bleibt, ist die Tragik und Ambivalenz der Hippie-Generation, deren Träumereien letztlich im Irrweg des Drogenrauschs und diverser esoterischer Eskapismen endeten, mit denen wir heute noch zu tun haben.

Den toxischen, männerfeindlichen Feminismus unserer Tage und den bizarren Gender-Firlefanz haben wir zu einem guten Stück leider auch der Hippie-Generation zu verdanken.

Aber der Aufstand gegen das neue Establishment ist bereits in vollem Gange.

 

 

„Lovely day“ – Bill Withers

Veröffentlichung: Dezember 1977
Thema: Verliebtsein
Genre: R&B, Soul, Funk
Album: Menagerie

Frankreich: Platz 1
Großbritannien: Platz 7
USA: Platz 30

 

 

Wenn man sich den Text von „Lovely day“ anschaut, so wird man den Eindruck nicht los, daß dieser tolle Song eine Art Antwort auf Bill Withers größten und legendären Hit „Ain‘t no sunshine“ sein könnte.

Letzterer handelt von Verlust und Melancholie. Die Welt ist kalt, die Sonne scheint nicht mehr, das Haus ist kein Heim mehr, wenn die Geliebte sich davon macht.

In „Lovely day“ wird hingegen das Kontrastprogramm besungen. Alle Sorgen und Ängste schwinden, wenn der Sänger seine Liebste anschaut. Und die Sonne ist auch wieder mit von der Partie. Auch gleich zu Beginn des Songs:

When I wake up in the morning, love
And the sunlight hurts my eyes
And something without warning, love
Bears heavy on my mind
 
Then I look at you
And the world’s alright with me
Just one look at you
And I know it’s gonna be
 
A lovely day
A lovely day

Das hört sich tatsächlich wie ein Kontrastprogramm an und beschreibt den positiven Effekt, den die Anwesenheit eines geliebten Menschen auf‘s Gemüt und auf die Weltsicht ausübt. In „Ain‘t no sunshine“ wird der genau gegenteilige Effekt beschrieben: Wie trist ist die Welt, wenn der geliebte Mensch fort ist.

Eine Besonderheit von „Ain‘t no sunshine“ aus dem Jahre 1971 war es, daß Bill Withers ganze 19 Sekunden lang immer wieder depressiv und gedrungen den Satz „I know“ wiederholte, was übrigens so ursprünglich keineswegs geplant war, sondern einen ähnlichen Hintergrund hat wie das „La la la la“ aus dem Lied „Don‘t you“ von den Simple Minds: Aus der Not einer Verlegenheitslösung wurde eine Tugend gemacht.

Und auch „Lovely day“ kann mit etwas Besonderem aufwarten. Zum Ende des Songs hält Bill Withers einen Ton ganze 18 Sekunden lang („Lovely daaaaaaaaay“), was zumindest für die US Top 40 einen einsamen Rekord darstellt.

Angesichts dieser Anekdoten und Bezüge, und angesichts der Tatsache, daß beide Lieder in einem sehr getragenen Tonfall daherkommen, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, daß „Lovely day“ eine Art Fortsetzung von „Ain‘t no sunshine“ ist. Aber was weiß ich schon?

Viel wichtiger ist, daß mit diesem Artikel Bill Withers die Reverenz erwiesen wird, der nun leider auf jegliche Sonnenstrahlen verzichten muß, da er Ende März im Alter von 81 Jahren verstorben ist.

Withers wurde 1938 als William Harrison Withers, Jr. in der Bergarbeiterstadt Slubfork, West Virginia, geboren. Mit 17 ging er zur US-Armee, wo er neun Jahre unter anderem im Nahen Osten diente und auch mit dem Schreiben von Songs begann. 1967 zog er nach Los Angeles, um eine professionelle Musikerkarriere anzustreben.

Sein Debüt-Album „Just as I am“ erschien im Januar 1971. Das darin enthaltene „Ain‘t no sunshine“ erreichte Platz drei der Charts und erhielt 1972 einen Grammy. Sein zweites Album „Still Bill“ kam auf Platz 1 in den USA und enthielt den Hit „Lean on me“.

1981 sang er mit Grover Washington „Just the two of us“, das Platz 2 der US-Charts erreichte und Withers einen zweiten Grammy bescherte. Mitte der Achtziger zog er sich zusehends aus der Öffentlichkeit zurück.

Was bleibt, sind seine genialen, hier erwähnten Hits, die allesamt voller Soul sind und von einer fast transzendentalen Zeit künden, als die Welt noch in Ordnung schien. Jedenfalls wirkt sie aus heutiger Sicht wesentlich weniger pervers und zynisch als die utopielose Jetztzeit der totalen Ökonomisierung und Digitalisierung.

Und das hört man auch an der Musik.

 

 

Bill Withers photo 1976

Bill Withers
4. Juli 1938 – 30. März 2020

 

„Money don’t matter 2 night“ – Prince

Aufnahme: 1990
Veröffentlichung: 1992
Thema: Armut, soziale Mißstände
Genre: Philadelphia Soul
Album: Diamonds and pearls

US Billboard Hot 100: Platz 23
Großbritannen: Platz 19
Niederlande: Platz 7

 

 

Eine echte Überraschung war für mich dieses Lied von Prince & The New Power Generation, das ich vor ein paar Wochen im Radio hörte. Ich war sehr angetan und felsenfest davon überzeugt, daß es sich bei dem Lied um einen selten gespielten Achtziger von Prince handeln müsse, den ich bisher noch nicht kannte. Das suggerierte mir jedenfalls der Sound, der perfekt in dieses Jahrzehnt paßte.

Die Recherche zu diesem Artikel belehrte mich dann eines Besseren. Das Lied wurde offenbar im Spätsommer des Jahres 1990 aufgenommen. Das erklärt vielleicht, warum es sich noch so sehr nach Achtziger anhört. Aber nichts für ungut. Denn der Prince-Song illustriert einmal mehr eine wichtige Grundthese dieses Blogs: Die Neunziger – insbesondere deren erste Hälfte – sind mitnichten das musikalische Katastrophen-Jahrzehnt, als das es uns neunmalkluge Kulturpessimisten immer wieder verkaufen wollen. Ein wahrer Schatz kann hier geborgen werden.

Prinzens Song ist ein sozialkritisches Lied, das Armut, Geld und Habgier zum Thema hat. Im dazugehörigen Musikvideo, das von Spike Lee gedreht wurde, ist eine afroamerikanische Familie zu sehen, die mit Armutsproblemen zu kämpfen hat. Prince kommt in diesem Video nicht vor, das laut Wikipedia als „überpolitisch“ und nicht „MTV-friendly“ angesehen wurde.

Eine zweite Version wurde gedreht, die neben Sequenzen aus dem alten Video nun auch Szenen mit Prince am Klavier und seiner Band enthält. Allerdings ist das erste Video tatsächlich nicht besonders ästhetisch und wartet mit einem langen Vorspann ohne Musik auf. Dessenthalben habe ich hier auch auf die etwas eingängigere und genußfreundlichere zweite Version zurückgegriffen.

Im ersten Video sind der damalige Präsident George Bush senior und wohl auch der spätere Außenminister Colin Powell zu sehen, allerdings noch in seiner Zeit als hochdekorierter US-Militär. Szenen aus dem ersten Golfkrieg und Bilder aus der Zeit der Großen Depression in den Dreißigerjahren dominieren. Das Video ist eine Art Potpourri aus sozialer Not und elitärer Dekadenz.

Aus heutiger Sicht amüsant wirkt es, wenn kurz ein „Trump“-Werbeschriftzug auf einem der Wolkenkratzer des Immobilien-Moguls eingeblendet wird und selbiger kurz darauf in gönnerhafter Pose eines seiner Gebäude betritt. Da wirkt das Video fast wie ein Kommentar zur Gegenwart. Schade, daß es Prince nicht mehr vergönnt war, einen US-Präsidenten Donald Trump zu erleben.

Wem „Philadelphia Soul“ als Musikstil dieses Liedes nichts sagt, dem sei der Begriff „Phillysound“ nahegelegt, der dasselbe meint und eine Soul-Richtung bezeichnet, die sich Ende der Sechzigerjahre in den Sigma Sound Studios in Philadelphia herausbildete. Viele bekannte Klassiker entstanden dort, so z.B. „Me and Mrs. Jones“ von Billy Paul, „If you don’t know me by now“ von Harold Melvin & The Blue Notes oder „When will I see you“ von den Three Degrees.

„Money don‘t matter 2 night“ wurde allerdings nicht in den Sigma Sound Studios in Philadelphia aufgenommen, wie man annehmen könnte, sondern in den Warner Pioneer Studios in Tokio.

Das Lied ist also „made in Japan“.