„When the going gets tough the tough get going“ – Billy Ocean

Veröffentlichung: November 1985
Thema: Verliebtsein
Genre: Soulpop
Alben: Love zone, Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil (Soundtrack)

Deutschland: Platz 2
Großbritannien: Platz 1
USA: Platz 2

Letzten Dezember weilte ich mal zufällig am Potsdamer Platz und näherte mich einer großen Rutschbahn, auf der man einen künstlichen Hang auf Plastikutensilien hinunter rutschen konnte. Eigentlich interessiert mich solch ein fragwürdiges Vergnügen nicht sonderlich, aber ich blieb nahe der Verkaufsbude stehen und lauschte der Musik, die die Rutschisten beschallte und wohl so etwas wie Weihnachts-stimmung erzeugen sollte.

Es lief zu dem Zeitpunkt fast ausschließlich klavierlastiger, romantischer Achtzigerjahrepop. „I like Chopin“ von Gazebo war meine Einstiegs-droge. Ich blieb einfach eine Weile stehen und genoß die Stimmung. Es ist ja ein Unterschied, ob man sich zu Hause am Notebook ein Youtube-Video reinzieht oder ob man irgendwo draußen in Stimmung und mit Ambiente ein paar Hits lauscht.

Nach Gazebo kam ein weiterer Klavier-Pophit mit erstaunlich gutem Intro. Ich rate in solchen Situationen immer gerne und will mir beweisen, was für ein toller Kenner der Musikgeschichte ich doch bin. Ich hatte aber keinen Plan, um was für ein Lied es sich handelt. Das Klavier-Intro tat es mir aber sehr an und ich war gespannt, was nun am Ende rauskommt.

Zu meiner eigenen Überraschung mußte ich feststellen, daß es sich um „You‘re my heart you‘re my soul“ von Modern Talking handelte. Das Lied ist insgesamt gesehen zwar nicht gerade komplex, aber eben doch ein schöner Klassiker, der vom Feeling her noch mal ein gutes Achtziger-Gefühl erzeugte. 🙂

Und an dieser Stelle wurde mir noch mal klar, wie albern die allgemeine und rituelle Modern-Talking-Verachtung ist und daß dieses Duo zurecht seinen Platz im Poppantheon der Achtziger beansprucht. Weniger weil die Musik so genial wäre als aufgrund der Tatsache, daß die beiden eben ein typisches Achtziger-Inventar sind, ohne das die Achtziger halt nicht die Achtziger wären. Ich halte jedenfalls nichts von diesem elitären Gehabe, wie es vor allem unter Musikkennern verbreitet ist, die sich häufig darin gefallen, ihre brutalstmögliche Verachtung für Modern Talking zum Ausdruck zu bringen, und damit auch wenig Sinn für Humor zeigen.

Diese Leute sind meines Erachtens häufig Narzißten narzißtisch veranlagte, notorische Bescheidwisser, die ob all ihrer ostentativen Kennerschaft und Expertise in Popbelangen die Fähigkeit verloren haben, sich auch an ganz einfacher Musik zu erfreuen. Modern Talking findet man einfach nicht gut, wenn man der größte Kenner auf Erden ist. Angesichts der fast schon zwanghaften und rituellen Geringschätzung bestimmter Bands könnte man auch von einer Art Spießertum sprechen.

 

Nach Modern Talking wurde der Weihnachtsmarkt auf dem Potsdamer Platz dann mit einem bekannten Soulpophit beschallt, der mich irgendwie an Hall & Oats erinnerte und der nun der eigentliche Anlaß dieses Artikels ist. Zunächst einmal dachte ich mir, wie unfaßbar genial dieses Lied ist und was das damals für phantastische Zeiten waren, daß solche Lieder überhaupt möglich waren.

Alles ist so perfekt an diesen Liedern. Jedes Detail stimmt und ich ertappe mich öfter bei dem etwas platonischen Gedanken, daß bereits vor dem Urknall, vor dem Beginn des Universums klar war, daß irgendwann im Laufe der Weltgeschichte dieses eine Lied das Licht der Welt erblicken werde. Mir kommen diese Lieder vor wie ewige Wahrheiten, die sich dann irgendwann tatsächlich realisieren – aber quasi nur wiederentdeckt werden, aus der Transzendenz ins Diesseits geholt werden.

Es handelt sich gewissermaßen um objektive Kunst – entdeckt mithilfe der Subjektivität. Wollte nur mal ein bißchen den Philosophen heraushängen lassen.

Das ist vielleicht ein etwas überschwengliches Lob für „When the going gets tough“. Es gibt schließlich noch deutlich genialere Lieder. Trotzdem war ich beim Hören berauscht von der tollen Stimmung, die dieses Lied ausstrahlt. Bei solchen Liedern wird einem noch mal in aller Deutlichkeit klar, daß die klassische Periode der Popmusik vorbei ist und daß die größten Schätze in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern zu heben sind.

Das sind Lieder für die Ewigkeit, die quasi schon vor dem Urknall existierten und nur noch in Materie verwandelt werden mußten.

Mit meiner Meinung bin ich offenbar nicht ganz allein. Auf hitparade.ch schreibt ein Mitglied:

Mich überzeugt der Song absolut. Gute Laune- und sehr schöne Filmmusik in einem Lied. Hat mich von Anfang an irgendwie in seinem Bann gezogen… 6+

Sechs Punkte sind auf diesem Portal das Maximum. Ein anderes Mitglied meint hingegen wenig überzeugend:

Kann ich nichts damit anfangen, allein der Titel ist schon unendlich lang und dämlich. Ich kenne unzählige Songs von 1986, die mir wesentlich besser gefallen, das ist echt nichts Besonderes.

Ist bestimmt ein „Troll“ dieser Kommentator. Schließlich hat er die falsche Meinung. Möge er in Mittelerde dahinsiechen. 🙂

 

„When the going gets tough“ stammt aus dem Jahre 1985 und war Teil des Soundtracks zum Indiana-Jones-Verschnitt „Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil“ mit Michael Douglas, Danny DeVito und Kathleen Turner. Die drei sind auch Teil des Musikvideos, wo sie als ganz in weiß gekleidete Background-Sänger herumalbern und sich selbst auf die Schippe nehmen.

Auch das Video läßt noch einmal hervorragend so etwas wie eine ideale Epoche aufleben. Denn auch die Filme aus Hollywood wirkten damals noch viel stimmiger und selbstverständlicher. Starker Nostalgie-Alarm ist jedenfalls vor der Sichtung dieses Videos angebracht.

Es ist erstaunlich, was einen da für eine Wehmut erfaßt. Sowohl das Lied als auch das Video kommen einem so unbeschwert und völlig normal vor. Alles wirkt deutlich unschuldiger und natürlicher als heute. Die USA hatten auch noch eine wesentlich bessere Figur gemacht als in heutigen Tagen.

Die Achtziger waren zumindest für mich eine Zeit der Seligkeit und Eintracht, in der die Welt noch völlig in Ordnung war. Das ist wohl letztlich auch nicht so verwunderlich, weil es damals wirklich noch neues Terrain in Kunst und Kultur zu erobern gab. Film, Musik und Fernsehen glänzten damals mit Kreativität und Neuschöpfungen von Klassikerformat.

Und diese Schöpfungen wirken eben wesentlich unschuldiger und reiner als das, was man heute vorgesetzt bekommt. Kunst und Kultur sind heutzutage wesentlich zynischer, berechnender und epigonen-hafter. Die Luft ist raus.

Lassen wir noch einmal einen Rezensenten von hitparade.ch zu Wort kommen:

Damals wär´s ne 5 für mich gewesen, heute muss ich eine 6 zücken! Der Song macht einfach total Spass und ich hab immer sofort wenn ich ihn höre den Clip vor Augen mit den 3 tanzenden Hauptdarstellern vom Film!
War wirklich ein Riesenhit damals : Die am zweitmeist verkaufteste Single in den USA 1986 (hinter Whitney´s „How will i know“), genauso wie in Australien (hinter „Chain reaction“ von Diana Ross)! In UK die #7 der Jahrescharts (4 Wochen #1). In CH kam´s bis auf #2 (Falco´s „Jeanny“ stand im Weg) und dort die #16 des Jahres, in D #2 (hinter MT´s „Brother Louie“) und die #11 des Jahres! Zudem noch eine #1 in IRL, #2 in ESP, #16 in IT!

Da das Lied also in zahlreichen Ländern auf die vordersten Plätze kam, kann man durchaus von einem Welthit sprechen. Und ich muß noch einmal betonen, daß man die amerikanische Popkultur damals noch wirklich unumschränkt liebhaben konnte.

Youtube-Nutzer drücken es so aus:

This video itself is proof of why the 80’s is the best decade ever.

Born in the 90s fell in love with the 80s, tracks like this are timeless and always one to get me moving. Love it!

Billy Ocean wurde 1950 in Trinidad und Tobago geboren und zog im Alter von sieben Jahren mit seinen Eltern nach London. Von Mitte der Siebziger bis zum Ende der Achtziger hatte er eine ganze Reihe von Hits. 1976 gelang ihm mit „Love really hurts without you“ sein erster Erfolg.

Wer sich ein bißchen amüsieren möchte, kann sich im folgenden auch noch eine Geronto-Version von „When the going gets tough“ zu Gemüte führen. Das Video scheint von einer Art Rentner-Promishow zu sein und ist sehr lustig, wenn auch das Lied selbst ein bißchen angepaßt wurde. Ocean muß zu diesem Zeitpunkt 69 Lenze gezählt haben.

Reschpekt.

Meine Ausführungen zur Popkultur mögen vielleicht etwas ideali-sierend und romantisch sein, aber es ist quasi ausgeschlossen, daß heute noch mal solch ein tolles Lied die Welt erblicken könnte.

Nach „When the going gets tough“ wurde der Weihnachtsmarkt auf dem Potsdamer Platz übrigens auch noch mit „The way it is“ von Bruce Hornsby beschallt. Aber das ist eine andere Geschichte.

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„My sweet lord“ – George Harrison

Veröffentlichung: Januar 1971
Thema: Gebet
Genre: Gospel, Pop
Album: All things must pass

Deutschland: Platz 1
Großbritannien: Platz 1
USA: Platz 1

 

 

Es steht ein weiteres fünfzigjähriges Jubiläum ins Haus. Heute vor genau 50 Jahren veröffentlichte George Harrison sein Debütalbum nach der Trennung der Beatles. Der schlichte Titel: „All things must pass“ – alles muß vergehen.

Genaugenommen war es sein drittes Solo-Album, nachdem er zuvor bereits zwei kommerziell erfolglose Instrumentalalben herausbrachte, als die Beatles noch intakt waren. Produziert wurde „All things must pass“ von Phil Spector und George Harrison in den Abbey Road Studios in London.

Harrison konnte einige prominente Namen für die Einspielung der Songs gewinnen. Eric Clapton findet sich an der Gitarre. Ringo Starr und Ginger Baker am Schlagzeug, Bobby Keys am Saxofon.

Auf Wikipedia ist folgende interessante Anekdote zur ersten Single-Auskopplung zu lesen:.

„My Sweet Lord“ war die erfolgreichste Single von Harrison und erreichte in vielen Ländern auf der Welt Platz 1 der Charts. Schon im folgenden Jahr wurde Harrison allerdings verklagt, weil My Sweet Lord Ähnlichkeiten mit dem Lied He’s So Fine von den Chiffons aus dem Jahr 1963 aufweise. Nach Jahren entschied das Gericht, dass Harrison den Song „unbewusst plagiiert“ habe.

Tja, so kann‘s gehen. Das Lied von den Chiffons war mir bisher allenfalls vage ein Begriff. Es hat aber tatsächlich starke Ähnlichkeiten zu „My sweet lord“, wie man auf einer Youtube-Exkursion feststellen kann.

Die dortigen Kommentare sind insofern amüsant, als sie nahezu sämtlich auf die Plagiatsaffäre und „My sweet lord“ bezug nehmen. Ganz oben findet man diese Worte:

everyone here including me is here just to see if this song sounds like my sweet lord…..

Und eine Katy Lee gibt dies zu bedenken:

I am a songwriter myself and I know how it feels: You try so hard to come up with the melody, then you have to put this melody down on chords and arrange it on the instrument, then you try to improve it and finally after a lot of hard work, you’re done. Aaand then it appears, that somebody has already written something similar, and you’re pissed off.

That is called „Cryptomnesia“ (your brain thinks it creates something new, but it actually recalls something already experienced).

R.I.P. George Harrison.

Natürlich ist „My sweet lord“ emotional ein völlig anderes Lied als „He‘s so fine“ von den Chiffons. Von mir aus dürfen Künstler gerne auf diese Weise „plagiieren“, was das Zeug hält. Wenn daraus derartig tolle und ergreifende, eigenständige Lieder hervorgehen, habe ich nichts dagegen.

George Harrison schrieb „My sweet lord“ im Dezember 1969 in Kopenhagen, als er gerade als Begleitmusiker von Delaney & Bonnie auf Tour war. Nach eigener Auskunft war er inspiriert von dem Gospel-Song „Oh happy day“ von den Edwin Hawkins Singers.

Und wieder einmal zeigt sich beim Anblick des Videoclips mit seiner gelungenen Slideshow, wie sehr Musik dazu in der Lage ist, uns auf eine Zeitreise zu schicken und das Lebensgefühl vergangener Zeiten unmittelbar nachvollziehbar zu machen. „My sweet lord“ kann man jedenfalls ohne Bedenken als ikonisch und als eines der besten Lieder der Siebziger bezeichnen.

In dem Lied spricht Harrison direkt zu Gott und bekundet, daß er ihn gerne sehen, mit ihm sein möchte, sich nach ihm sehnt. Auch ein bißchen hinduistisches Gedankengut bringt er im Lied unter. In der zweiten Hälfte dürfen wir uns nämlich dem Zeitgeist entsprechend an diversen „hare krishnas“ und anderen indischen Lautmalereien erfreuen. Man könnte also fast von einem Hybridgospel sprechen.

Ein Youtube-Nutzer bringt es auf den Punkt:

God exists, George Harrison is proof.

Ein anderer merkt ironisch an:

John Lennon: Imagine there’s no heaven
George Harrison: My sweet Lord…

Und wenn wir schon bei den Beatles sind, sei noch gesagt, daß Harrisons Welthit die erste Nr. 1 darstellte, die einem Ex-Beatle gelang.

Bleibt abschließend festzuhalten, daß „My sweet lord“ ohne Frage eines der besten Lieder aus dem Bereich der erbaulichen, religiösen Popmusik ist – und daß eigentlich nur die Hand Gottes im Spiel gewesen sein konnte, die solch ein tolles Plagiat ermöglichte.

„Wuthering Heights“ – Kate Bush

Veröffentlichung: Januar 1978
Thema: Romantische Liebe über den Tod hinaus
Genre: Pop
Album: The kick inside

Großbritannien: Platz 1
Deutschland: Platz 11

Liedtext

Kate Bush wurde 1958 in einem Vorort von London geboren und heißt eigentlich Catherine Bush. Sie wuchs in einer musikalisch und künstlerisch interessierten Familie auf, schrieb früh Gedichte und wurde bereits in jungen Jahren 1973 von David Gilmour, dem Gitarristen von Pink Floyd entdeckt, der sie förderte. The kick inside nahm sie mit Musikern auf, die eigentlich zur Stammformation von The Alan Parsons Project gehörten.

„Wuthering Heights“ war Debütsingle und erster Nummer-eins-Hit von Kate Bush, die damit auch die erste Frau in der Geschichte der britischen Charts war, die mit einer Eigenkomposition die Spitze erklomm.

Das Lied ist eine Vertonung des in Großbritannien sehr bekannten Romans „Wuthering Heights“ („Sturmhöhe“) von Emily Brontë aus dem 19. Jahrhundert.

Zu „Wuthering Heights“ wurden zwei Musikvideos gedreht, eines für die britische, eines für die amerikanische Veröffentlichung des Liedes. Das zweite Video wird auch als „Red dress version“ bezeichnet, da Kate Bush hier in freier Natur und in einem roten Kleid tanzend zu sehen ist. „Wuthering Heights“ ist bis heute die meistverkaufte Single von Bush.

Abschließend noch einige Youtube-Kommentare:
„When you’re 18 and write one of the most iconic songs of the 20th Century…“

„Fun Fact: Kate Bush and Emily Bronte, the author of Wuthering Heights, share the same birthday on 30th of July.“

„This always makes me want to buy that dress and Dance like that. My wife does not know that.„